Bild Entwicklung und Künstliche Intelligenz – die Verwischung der Realität

Die „Künstliche Intelligenz“ (kurz KI) ist in aller Munde. In immer mehr und mehr Lebensbereichen hält die KI Einzug unter dem Deckmantel der Vereinfachung und Verbesserung von Produkten und Lebenserfahrungen. Oftmals zu Recht. Oftmals mit zu hinterfragenden Resultaten. 

Auch in der Fotografie hat KI bereits Einzug gehalten. So zum Beispiel in der Kameratechnik selbst. wie im Bereich der verbesserten Fokussierung von Objekten. Hier sind heutzutage erhebliche Fortschritte verglichen mit vor 5 Jahren ersichtlich. Für einen Fotografen, der sich beispielsweise für schnell bewegende Motive interessiert ist dies eine gute Hilfe und Unterstützung. Die Trefferrate steigt merklich an.

Andererseits findet aktuell auf der Ebene der Bildbearbeitung sehr viel im Bereich von KI statt, was aus meiner Sicht zu hinterfragen ist. Produkte und Funktionen werden beworben, die dir in Sekundenschnelle Bilder bearbeiten, so dass du gar nichts mehr unternehmen musst. Störende Objekte werden automatisch erkannt und entfernt. Farben werden nach Gutdünken der Software verändert. Bilder können so abseits der Realität entfremdet werden.

Im Rahmen der digitalen Entwicklung von Bildern nehme ich im heutigen Blog konkret Stellung zu den „digitalen KI Helfer“ und erkläre dir warum ich hier bewusst Grenzen für meine Bild Entwicklung ziehe.

Bild Entwicklung – braucht es das überhaupt in der digitalen Fotografiewelt?

Mit der digitalen Entwicklung von Bildern am Computer haben viele Fotografen Berührungsängste. Für viele ist es zu zeitaufwändig oder sie akzeptieren die Qualität des produzierten JPG-Bildes einfach so wie es ist. Sie würden vielleicht gerne bessere Bilder produzieren, doch ist ihnen nicht bewusst, dass das ohne nachträgliche Entwicklung der Bilder am Computer nicht geht. 

Udo Wuchner Naturzeit & Fotografie - 1:1 Fotografie Mentoring - Fotografie Workshops - Icon Sonne
Also so hat das nicht ausgesehen, wo ich mir die Finger abgefroren habe...

Wieso sehen die Bilder nicht so aus wie wahrgenommen?

Hast du auch oft den Eindruck, dass die Bilder, die du nach Hause bringst, nicht dem Entsprechen was du vor Ort „gesehen“ hast? Wieso ist dies so? 

Der Grund ist ganz einfach erklärt. Das menschliche Auge kann mehr wahrnehmen als die digitale Kamera! So hat das menschliche Auge einen Dynamikumfang von bis zu 20 Blendenstufen, eine digitale Kamera liegt bei 12 bis 14 Blendenstufen. Wobei eine Blendenstufe stets eine Verdoppelung der Lichtmenge bedeutet. Ist der Dynamikumfang einer Aufnahmesituation grösser als der Dynamikumfang der Kamera, so kann nicht alles dargestellt werden. Daher fehlen im Bild Informationen, die wir unserem Auge noch wahrnehmen konnten.

Den Dynamikumfang kann man zwar erhöhen, sofern man nicht mehr JPG-Bilder erstellt, sondern in der Kamera RAW-Bilder aufnimmt. Bilder im RAW-Format haben mehr Informationen gespeichert, allerdings sind diese stets hersteller- und kameraspezifisch zu interpretieren. Dazu benötigen wir dann einen Computer mit Software, welche diese Bilder verarbeiten kann. Und somit sind wir in der digitalen Bild Entwicklung am Computer angekommen.

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Das kommt meiner Erinnerung viel näher!

Wieso Bild Entwicklung und nicht Bild Bearbeitung?

Wie wir den Prozess der Verarbeitung von Bildern am Computer nennen ist grundsätzlich zweitrangig. Für mich persönlich ist der Begriff der „Entwicklung“ näher an der analogen Dunkelkammer, als noch Filme und Bilder entwickelt wurden. „Bearbeitung“ geht in meinen Augen weiter als die reine Dunkelkammer. Plötzlich wird „gephotoshopped“, Bilder manipuliert oder entfremdet. Dies ist etwas, das ich nicht mache.

Bewusste Begrenzung in der digitalen Bild-Entwicklung

Nun sind wir in der digitalen Dunkelkammer für die Bild Entwicklung angekommen. Es gibt dazu viele verschiedene Programme auf dem Markt. Die Funktionsvielfalt ist überwältigend und schon kann sich die Realität mit Ergebnissen der künstlichen Intelligenz verwischen.

Bei der Bild Entwicklung am Computer beschränke ich mich persönlich sehr stark auf die Möglichkeiten, die bereits in der analogen Filmentwicklung angewendet wurden. Respektive die ich bereits mit mehr Aufwand bei der Aufnahme hätte realisieren können, es jedoch aus zeitlichen oder technischen Gründen habe bleiben lassen.

Udo Wuchner

Belichtungsrelevante Aspekte

Bei der Belichtung achte ich darauf Bilder mit optimalen Informationen aufzunehmen. Das heisst ich nutze das Histogramm, um ausgebrannte Spitzlichter zu vermeiden und eine möglichst breite Verteilung der Tonwerte zu erhalten. Damit kann ich in der Bild Entwicklung die Bilder so bearbeiten, dass sie am Ehesten dem entsprechen, was ich wahrgenommen habe. Spitzlicher reduzieren und Schatten aufhellen sind typische Funktionen, die ich anwende. In der analogen Dunkelkammer gab es das Abwedeln und das Nachbelichten. Die Resultate sind mehr oder weniger identisch. Zu helle Stellen abdunkeln und zu dunkle Stellen aufzuhellen.

Früher wurde gewedelt - きたし, CC BY-SA 2.5 httpscreativecommons.orglicensesby-sa2.5, via Wikimedia Commons
Heute nutzen wir digitale Regler - das Ziel ist das Gleiche
Beschnitt und Begradigung

Wie schon in der analogen Fotografie nutze ich auch in der digitalen Bild Entwicklung einen sanften Beschnitt und auch mal ein Begradigen. Bildbereiche am Rand, die durch das Weglassen die Komposition des Bildes verbessern sind immer erlaubt. Und wenn der Horizont mal etwas schräg ist und der Ozean ausläuft, dann ist das Geraderücken sinnvoll. 

Ob analog oder digital, drehe ich die "Leinwand" gehen Bildteile verloren
Tonwerte, Farben, Kontraste

Sobald es um die farbliche Wirkung geht, gehe ich vorsichtig an die Entwicklung des Bildes ran. Ein bischen mehr ist schnell zu viel. Tonwertspreizung, farbliche Verstärkungen oder Abschwächungen sind mit dem Einsatz von Software sehr anwenderfreundlich geworden. In der analogen Welt war dies durch den Einsatz spezieller Papiere, Chemikalien, Filter und Einstellungen an den Entwicklungsmaschinen möglich. Allerdings waren die Resultate wohl nicht so einfach und schnell ersichtlich. Neu ist dies allerdings nicht.

Die kalten Farben stammten vom falschen Weissabgleich...

Verzicht auf künstliche Helfer

Bei der Bild Entwicklung verzichte ich auf Funktionen, die zu den bereits vorhandenen Informationen des Bildes weitere Informationen „hinzufügen“. Wieso beschränke ich mich so? Ganz einfach weil es nicht mehr der Realität entspricht, so wie ich das Bild aufgenommen habe. Das Verkehrsschild war nun einmal da und der Himmel war grau und voller Wolken. Das Verkehrsschild nun zu entfernen, weil es mich stört oder den Himmel in orange-violett einzufärben ist in meinen Augen eine Verfälschung. Doch dazu gleich noch mehr.

Bildfehler reparieren

Ein eingetrockneter Fleck oder Staub auf der Linse führt zu ärgerlichen kleinen Störungen im Bild. Sind diese sehr lokal und von der Umgebung her gut abgrenzbar, so nutze ich Reparaturfunktionen, die den Fleck anhand der Umgebung anpassen. Die Realität vor der Linse wird dadurch nicht verändert. Dies ist der einzige Bereich, wo ich mir erlaube Bildinformationen zu ersetzen. Besser wäre es gewesen, die Optik sauber zu halten!

Die Wasserflecken auf der Linse habe ich erst zuhause entdeckt
Bildteile austauschen oder ersetzen versus Verbesserung der Bildgestaltung

Nun kommen wir zu Trends, die ich bedenklich finde. Wenn aus Bildern Objekte wie ein Verkehrsschild oder eine Person „entfernt“ werden, bloss weil sie stört, dann entspricht dies nicht mehr der Realität. Was ist jetzt hier Wirklichkeit oder Fiktion? Das Schild ist Teil des Bildes und wenn es den Fotografen stört, dann gibt es ein paar Möglichkeiten damit umzugehen.

  1.  Suche dir einen anderen Standort oder verändere die Perspektive, so dass das störende Objekt nicht mehr abgelichtet wird. Oftmals reichen schon ein paar Zentimeter.
  2. Integriere das störende Objekt in die Gesamtkomposition des Bildes. Das Verkehrsschild zentral in der Mitte mag stören, doch ist es versetzt von der Mitte und agiert mit dem restlichen Motiv, dann kann ein interessantes Bild entstehen.

Verbesserst du deine Bildgestaltung, dann wirst du viel kreativer und hast gleich viel mehr Freude an deinen Ergebnissen.

Wenn die Brücke deine Landschaftsaufnahme stört, dann setze sie passend ins Bild...
...older bewege dich einfach ein paar Meter!
Nachschärfen und Entrauschen versus Verbesserung der Belichtung

Themen, welche aktuell gross beworben werden durch Softwarehersteller sind das Entrauschen und das Nachschärfen. Für mich ist das ein zweischneidiges Schwert. Denn wenn ich entrausche, dann führt dies oft zu Unschärfen. Schau dir nur mal die Beispielbilder der Softwarehersteller für diese Themen an. Ein verrauschtes Vogelgefieder wird zwar entrauscht, doch gleichzeitig wirkt das Gefieder wie mit Wasserfarben verwaschen. Ein klares Zeichen für Unschärfe, die durch Entrauschen entsteht. Beim Nachschärfen entstehen andererseits sehr schnell harte Kanten oftmals mir unschönen Farbveränderungen, die sich deutlich im Bild erkennbar machen. Solche Bilder wirken gekünstelt. Man sieht, es ist nicht mehr natürlich vom Look her.

Zum Verbessern schlage ich vor, die Belichtung gezielter zu betrachten. Wieso muss der Vogelfotograf den sitzenden Vogel mit einer Verschlusszeit von 1/8000 sec aufnehmen, wenn auch mit seinem 500mm Tele eine 1/500 sec reichen würde? Mit 1/8000 sec geht das ISO durch die Decke. Ist das ISO beispielswiese dann bei 6’400 so würde eine gezieltere Wahl der Belichtungszeit von 1/500 sec direkt zu einem ISO von 400 führen. Das Rauschen ist somit kein Problem mehr!

Digitale Verfremdung und digitale Erzeugung

Die bisher erwähnten KI-Helfer führen zu entfremdeten Bildern. Bildern, die Motive abbilden, die so nicht existieren. Es geht allerdings noch weiter. Heutzutage werden bereits Bilder am Computer mit KI selbst erzeugt. „Generiere mir ein Bild mit mir und einer bekannten Persönlichkeit beim Kaffeetrinken in der Stadt“ Die Qualität solcher digital erzeugten Bilder nimmt frappant zu und es stellt sich die Frage, ob dies noch vertretbar ist.

Vor kurzem las ich eine Werbung für eine Software, die Wasserzeichen aus Bildern entfernt. Es hiess da: „Mit unserer Software entfernen sie Wasserzeichen aus ihren Bildern!“ Nun, so etwas brauche ich nicht, denn ich kann Wasserzeichen aus meinen eigenen Bildern selbst entfernen, indem ich sie gar nicht einfüge. Und wenn es nicht mein Wasserzeichen ist, ist es auch nicht mein Bild!

Wie umgehen mit KI-Bildern?

Wie gehst du mit KI in der Bild Entwicklung um? Nutzt du solche Funktionen oder beschränkst du dich mehr auf die fotografischen Aspekte des Fotografierens und der Entwicklung am Computer?

Wenn du Objekte entfernst oder Bilder entfremdest, wie dokumentierst du dies bei der Präsentation des Bildes? Erwähnst du konkret im Instagram-Post, dass das Bild mit KI manipuliert wurde?

Ich bin gespannt auf deine Rückmeldungen!

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